Die glückliche Leichtigkeit des Vergehens.

Der Sommer tritt ein, mit warmen Winden aus dem Süden streckt er seine warmen Arme um unsere Sinne. Ja heiß soll es werden, manche werden unter der Hitze ächzen, andere ein kühles Bad in ihren Pools genießen, viele die Seen, Flüsse und Schwimmbäder aufsuchen.

Das Trallütralla, Bäng, Klack, Zack, das hastige Fingerzucken, das konzentrierte Indenbildschirmgucken, es wird nicht verebben, Kinder und Erwachsene die ohne Jahreszeiten ihre Leben in virtuellen Räumen schächten werden vom Sommer nichts merken. Der Zeitplan für die einen steht, die anderen sehnen sich nach bezahlter Struktur, wo blieb die Sehnsucht nach der Freiheit nur?

Es ist ein seltsamer Weg, über den sich der Mensch mit demütiger, buckliger Haltung bewegt, der aufrechte Gang ist eine Imagination, es ist der Kriechgang der zählt, wehe man hebt den Kopf an, öffnet die Augen und denkt dann.

Was sieht ein Kind in Afrika, was sieht eine Frau in Indien, was sieht ein junger Mann in China, was sieht ein Greis in einem deutschen Verwesungshaus, was sehen diese Menschen, so sie nicht einer privilegierten Oberschicht angehören?

Was sieht ein Mensch, irgendwo auf dieser heutigen Welt, die doch anscheinend den Massen so wunderbar gefällt. Für viele von Ihnen bedarf es gar nicht der offenen Augen, der Geruch alleine schon kündet von der modrigen Zeitwaabe, welche ihre Leben gefangen hält.

Stille ist Reichtum, der Duft der menschfreien Natur ein Brunnen aus dem der Besucher, so er das Glück hat, dort eintreten zu können, pures, klares Sein zu trinken leben darf.

Wer sich aus dem Irrsinn der menschlichen Zivilisation rettet, der erlebt langsam und bedächtig jeden Moment seiner Existenz. Das Notwendige mag Opfer erfordern, auch Teilnahme am Wahnsinnstanz, doch wie wir alle mit etwa zwei Stunden Arbeit, die, würden wir als komplexe Sozietät handeln, wohl von niemandem mehr als verrücktes Treiben empfunden werden müssten, auskämen, kann man auch heute schon mit zwei Stunden Sammeln in unserem Lebensraum überleben, ohne sich Ämtern andienen zu müssen!

Es erfordert lediglich die Bereitschaft sich anzupassen an einen kreativen, minimalistischen Lebensentwurf!

Wie verzweifelt jaulen doch die Arbeitslosen und die Niedriglöhner nach der Möglichkeit sozialer Teilhabe – sie betteln darum als optimierte Konsumsubjekte alles gegen Bezahlung erlangen zu dürfen, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.

Wer sich löst, der kommt nicht auf die Idee für eine digitale Bilderflut, die unbekannte Artgenossen gegen Millionengagen irgendwo auf dem Planeten inszenierten, 10 kg frische Äpfel einzutauschen, die für eine Woche beste Nährstoffe bieten.

Der besucht nicht einen Ort, wo er von anderen bedient wird, er dafür da zig fache an Lebenszeit abtritt, um sich die Bezahlung mühsam als Nutzvieh andernorts zu erbetteln.

Die menschliche Kultur – sofern sie teuer bezahlt werden muss – bleibt eben jenen vorbehalten, die glauben sich gegen die willige Teilnahme an der Vernichtung der Welt und dem Rattenrennen, wer hat mehr, wer verliert, wer gewinnt, wem opfert man seine Würde, wen kann man selber in den Dreck treten, mit Geld entlohnen lassen zu müssen.

Diese Kultur ist selber von diesem Virus infiziert – der Intendant kassiert, der Statist ist ein biologisches Stück ohne Talent, das man gnädig gegen Fressen und ein Trinkgeld hin und herschiebt wie einen Paravent. Der eine Maler verhungert in einem Loch, der andere wird als talentiert beurteilt und kassiert für einen Pinselstrich Millionen – nirgends ist Wertung perfider und selbst dort wo die Musik erklingt, liegt hinter den Tönen entweder das Elend einer in Struktur und Repetition aufgelösten Kindheit, die nun endlich ihren verdienten Lohn sucht und kalt wie Eis eine geradezu grausame Perfektion zelebriert, oder der von den Musen geküsste Artgenosse, genießt seine Besonderheit, so er das Glück hatte – entdeckt zu werden.

Ja, schon der Ausdruck entdeckt, entlarvt! Aus der Masse konnte er entfliehen, warum entfliehen? Entfliehen, da die Masse sich selbst zu einer menschlichen Hölle degeneriert, da sie nur diese glitzernde Welt des abgehobenen Wahns bewundert, der eine kleine Schicht von Menschen beim lebenslangen Genießen eines verfluchten Reichtums und einer vergifteten Eitelkeit erlebt.

Dabei ist in diesem Wohlstandsäther die Atmosphäre nicht weniger vergiftet und öde, als in den grauen Vierteln, der gewöhnlichen Nutztiere, kriecht doch die Langeweile dem verwöhntem Artgenossen, genau wie die Angst vor jenem der vielleicht noch besser agiert, wie ein schleimiger Nacktschneck durch seine Glieder.

Wenige erkennen die Gnade ihres Talents, als eine Kraft, mit der sie anderen wirklich helfen und andere aus ihrem Elend befreien können.

Es ist die Einbildung die blind macht, der Glaube man wäre seines eigenes Glückes Schmied, die Ignoranz, das letztlich meist nur ein Zufall das Glück brachte, und sei es das Glück des Mutterbauchs, eines das sich wohl kaum ein Mensch als selbst erworben anheften dürfte!

Dieses Glück haben wir hier in Europa, dieses Glück gebietet mir, hier nun wirklich wenigstens am Vernichtungsprozess der Erde meinen Teil zu verweigern!

Mein Weg ist jener der größtmöglichen Verweigerung – die maximale Verweigerung wäre der komplette Verzicht auf soziale Kontakte mit Menschen, das absolute Streben nach solitärer Lebensweise, das werde ich wohl niemals realisieren – es würde mich wohl auch rasch meinem Ende zuführen.

Doch ohne Geld zu leben ist möglich, selbst hier mache ich es mir vielleicht noch zu einfach – den ich verdiene ein paar Euros im Monat, mit denen ich mir etwas Bequemlichkeit erkaufe.

Wir werden uns nicht ändern, wir werden verschwinden, wir werden verschwinden, da uns die Eitelkeit packt, sobald uns ein anderer zuhört, applaudiert, oder bewundert, wir haben nicht die Kraft, zurückzutreten und anzuerkennen, dass immer ein Anderer Mensch ebenso handeln könnte, wie wir selbst – kein Mensch ist einzigartig in seiner Leistung, es ist immer die Summe der Zufälligen Ereignisse, die uns an einen bestimmten Ort elend krepieren, oder triumphierend feiern lassen!

Da die Glücklichen Gewinner mit jedem Gewinn in der Regel weiter aus der Masse „emporsteigen“, die unglücklichen Verlierer mit jedem Verlust tiefer in den Morast der Verachtung getreten werden, wird der Mensch das Miteinander nicht realisieren, es wird ein immerwährendes Treten und Trampeln sein, eine milliardenfache, verzweifelte Suche nach dem individuellem Glück, dabei zerstören wir in blindem Eifer unsere Umwelt und letztlich uns selbst.

Am Ende bleibt der Moment des Todes, am Ende erkennt wahrscheinlich jeder Mensch, er hätte es vielleicht doch anders angehen können – kaum ein Verlierer wird gefragt ob er alles wieder so machen würde, an seinem 80 Geburtstag – so er da noch lebt – viele Gewinner werden gefragt, sie bejahen diese Frage meist, doch nach jenem letzten Augenblick der nochmal einen klaren Sinn in unserem Verstand auslöst, stellt niemand mehr diese Frage – die Antwort bleibt verlassen zurück, sie wurde niemals ausgesprochen.

In meinen zaghaften praktischen Versuchen Menschen zum Miteinander zu bewegen, scheitere ich tagtäglich auf Neue, immer schimmert der Argwohn durch, die Angst übervorteilt zu werden.

Dort wo man sich einbringen möchte, werden keine Ideen gewünscht, sondern Gehorsam und blinder Funktionsgeist, prangert man die Dummheit als solche an, wird man sofort aus dem Kreis gemobbt – als das einzig dumme Element tituliert – darf man sich trollen.

Nur warum vernichten wir die Welt, wo doch alle so klug und so talentiert sind, all jene, die die Dinge anführen, die bestimmen, die die Masse dirigieren?

Es beginnt immer bei uns selbst, solange die Masse akzeptiert, was man mit ihr exekutiert, solange wird die Masse der Dummheit willig jeden Dienst erweisen, den aus der Masse herauszugleiten, nicht nach Oben, als bewunderter Star oder Großgeist, sondern zu Seite hinaus, oder gar noch tiefer nach Untern hinaus – macht aus dem Einzelnen ein vergessenes, nicht mehr existentes Element, da die Masse nur nach Oben blickt – was daneben oder darunter steht, das ist nicht von Interesse – man braucht Vorbilder, man braucht Götter, doch man braucht Mitmenschen nur dann, wenn man selbst in Not kommt und konkrete Hilfe benötigt – dann streckt man die Hand auch zur Seit oder nach Unten aus, nur dann ist es zu spät, vor allem, sobald es einem wieder gut geht, vergisst man schon wieder, jenen Moment, da man der Hilfe bedurfte.

Als junger Mann zog ich einmal einen ertrinkenden Menschen aus dem Atlantik, ich packte ihn auf meine Luftmatratze und ließ uns beide von einem Brecher an Land spülen, der Mensch war schon ganz fahl und erbrach Salz, ich übergab ihn den Rettungsschwimmern die ihn zu einem Hubschrauber brachten, der schon am Strand wartete (er war erst über Wasser in der Luft gekreist) – ich weiß nicht einmal ob der Mann überlebt hatte – ich bin schlicht zu meinen Freunden die am Strand standen gegangen, gab ihnen meine Luftmatratze und hab mich abgeduscht.

Ich dachte danach oft an diesen blassen, schwachen Körper. Wer war wohl dieser Ertrinkende, ich war mir damals sicher, er hat überlebt.

Einer der Rettungsschwimmer fragte nach meinem Namen, ich gab ihm meinen Vornamen, mehr nicht – warum auch!

Ich liebte die Brandung am Atlantik, die Strömung war tückisch, doch mit einer Luftmatratze genau an jenem Punkt zu treiben, wo sich die Wellen brechen war wirklich ein wundervolles Erlebnis – ich war ein guter Schwimmer, packte mich die Strömung ließ ich es geschehen, den es gab immer Momente wo man aus ihr herauskam, man musste sich schlicht den Elementen anpassen, niemals durfte man gegen sie ankämpfen – letztlich war es auch eine Welle die uns an Land trug.

Manchmal denk ich, als alter Mann nehm ich mir wieder die Matratze, ich gehe nach Biscarosse Plage und paddle gegen die Wellen an, mal sehen was passiert.

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