Sein, sein Menschsein sein!

Der Mantel war von guter Qualität, Gogol hatte ihn gewählt, hier im jetzt des Herbst 2013 könnte ich ein Smartphone wählen.

Was ist der Mitteleuropäer ohne ein Smartphone, wie viel Lebenszeit opfert er dem Smartphone, oder ist es doch noch, wie früher ein Mantel der zählt?

Versuchen selbst die Geister noch, sich einen Mantel zu schnappen, um danach würdevoll über die Brücke zu flanieren, geachtet, bemerkt, unverwundert berwundert?

Wann werden Müßiggänger wieder ins Gefängnis geworfen werden? Werden Menschen die das insgeheim bewunderte „I would prefer not to“ plötzlich realisieren wie ihre literarischen Vorlagen enden?

An Lebensverweigerung muss man nicht verenden, enden tun wir alle, im Anfang von etwas Neuem, fragt sich nur was und wann es sein wird.

Geh mit Akakij Akakijewitsch und Bartleby spazieren, auf den Friedhof zu studieren, was dort noch auf den Steinen steht. Es fehlt dazu die Zeit? Die Zärtlichkeit der Zeit verloren wir, dem Rhythmus eines Fortschritts hörig, schwören wir, das Glück liegt in Zahlen geborgen, die wir uns vom Leben borgen. Zahlen die uns wie Futter erscheinen, mit denen wir es kaufen, kaufen, wir uns nichts als Schein!

Armut mach unglücklich, so der Magen leer und die Glieder schwer vor Mattigkeit am Boden liegen, doch noch, scheint die Sonne warm und blau scheint der Himmel über uns, singen Wind und Pflanzen gemeinsam mit dem schwirrendem Volk Melodien, zergeht der Apfel saftig auf der Zunge, nährt uns mit Hochgenuss die Haselnuss, noch ist nicht Schluss.

Selbst wenn wir Grillen sind, finden wir oft noch liebe Mäuse, die uns über den Winter helfen, noch ist nicht Schluss.

Selbst wenn wir seltsam sind, schwach, der Hilfe bedürfen, um zu leben, noch ist nicht Schluss.

Das Elend ist zwar da, es lauert an vielen Flecken, man kann darin mit Qual und Traurigkeit verrecken, nur – noch ist es nicht überall, noch ist nicht Schluss.

Wir müssten nur dort, wo das Leben leuchtet kosten, denken, sehen, lauschen, riechen, spüren, fühlen, Seelen beleben, uns zum Menschsein bringen!

Es ist ein seltsam paradoxes Stück, dass viele fähig sind zum Menschsein, viele wundervolle Dinge tun, doch letztlich tief im Wurzelwerk einer todbringenden grusligen Masse ruhen.

Kann ein Mensch auch nichts, ist er auch ein niemand, so kann er doch den nächsten in seine Arme schließen, kann ihm sanft mit seiner Hand seine Lebenswärme spenden, ihm Wort und Blick, ihm Ruhe und Geborgenheit vermitteln, erhält jene selbst von jenem, dem er sie gegeben.

Es ist das höchste Gut, die glühende Glut des lebendigen Blicks, des Augenblicks, ich bin ein Mensch und Du, ich bin hier wie Du, ich bin ein lebendiges Wesen wie Du, lass uns Menschsein, lass uns frei sein, lass uns freundlich sein, seinen wir nicht gemein!

Wir brauchen weder Gott noch Geld, wir brauchen nur uns, wir sind es was zählt.

Alleine sind wir verloren, nicht Geld, nicht Gott, können sich um uns sorgen, wir sollten uns Güte nicht kaufen, nicht nach blind weiter in den Abgrund laufen!

Es ist nicht das glänzende Gold einer prunkvollen Kuppel über unseren Prunkgewändern, es sind die Blätter des Baumes über unseren Lumpen die das Glück gewähren.

Die Kuppel ist tod, der Baum lebendig.

Lieber unter Bäumen wandeln, denn unter Kuppel stolzieren, lieber von einer Mücke gestochen, als von einem Belchsarg zerfetzt.

Wer das Leben liebt und versteht, der hat keine Angst vor dem Tod!

Wer begreift, wir sind ein Teil, ein wundervoller doch bescheidender Teil, einer unbegreiflichen Unendlichkeit,

der hat sein Menschsein gewonnen,

der kann unmöglich nach maßlosem Reichtum streben, da er keine Zeit dafür verschwenden wird,

er freut sich seiner Talente, so er über sein Menschsein hinaus bezaubern kann,

er freut sich auch, ist er ohne überragende – herausragende – nichts tragende Fertigkeiten, geboren und belebt,

da er schlicht und einfach lebt – da er genauso berühren kann, mit Augenblicken und Lachen,

mit seiner Aura und er kann auch Sachen machen, kann Beeren pflücken, dürres Holz ins Feuer werfen, schwache tragen,

starke fragen, sprechen, denken, fühlen, Menschsein sein!

 

Mir ist jeder Mensch, der sich vom Reichtum löst und der fröhlich in der Sonne döst ein Freund,

er ist ein freudiges Ereignis, da er kein Mörder des Lebens ist,

er ist ein freudiges Ereignis, der mich nicht mit seinen Regeln beklebt,

er ist ein freudiges Ereignis, da er lebt!

 

Liebe Menschen, fangt an, lieb zu sein, hört auf reich zu sein, so werdet ihr eines Tages – vielleicht – doch noch Menschsein sein!

 

Doch solange man dumm ist – ist man lieb, und klug ist – ist man ein Dieb, stirbt die Hoffnung mit jedem der aus Liebe stirbt, da hinter ihm hundert folgen, denen die Gier das letzte Geleit in ihre Höllen gibt!

 

Trotzdem höre nicht auf zu hoffen – länger schon leb jetzt als Gogol lebte, doch seine Bücher schenkt er – ohne Gier!

Melville hab ich noch nicht erreicht – vielleicht – les mit 72 Moby Dick zum x-ten Mal.

Wie viele meiner Mitmenschen, in diesem Land, (in anderen Ländern sind es andere Namen), kennen einen Verbaljauche in die digitalen Übertragungswege auswerfenden Jauch, aber nicht Melville – oder Gogol – oder tausende anderer wunderbarer Geschichtenerzähler – die ein Menschenleben von Kindheit an mit dem Zauber des Menschsein begleiten können!?

 

….. ich kann nur allen raten – verschrottet als erstes Eure TV-Apparate, Eure Smartphones, Eure digitalen Fesseln – es genügt ein Schreibkommunikator – eine Holztstatur und ein Impulsmodulator…..

Vielleicht treffe ich mal wieder einen Menschen, ich habe Glück – ich kenne ein paar – sie sind nicht so radikal – doch sie haben manchmal den Mut, sich nicht völlig dem Wahnsinn hinzugeben –

Ich drücke ihnen die Daumen, dass sie nicht aufgesogen werden, ja vielleicht sogar eines Tages ganz den Schritt aus dem Moloch heraus wagen, möge er gelingen, möge er vielen gelingen, möglichst vielen gelingen!

 

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4 Antworten zu Sein, sein Menschsein sein!

  1. AlterKnacker schreibt:

    Auch Poesie ist im FIWUS immer willkommen …

  2. kahalla schreibt:

    Poesie…, das ist lustig. Da kratzt man das Wesentliche, das Leben aus dem Dreck einer versinkenden Zivilisation und schon wird dieses Wesentliche als Poesie klassifiziert. Etwas für das man „auch“ Platz hat. Würde dieser Text in tausend oder zweitausend Jahren aus unserem Wohlstandsmüll gebuddelt, würden fachkundige Archäohistoriker ihn wohl als „Gebet an die Freiheit“ einordnen und somit einer längst versunkenen naiven Kultur zuordnen. Interessant wäre wohl die Feststellung, dass es zu unserer Zeit immer noch Haselnüsse gegeben haben muss und diese die bevorzugte Speise einer Art Freiheitssekte gewesen wären. Und klar, die Sekte starb mit ihrer Lebensgrundlage, der Haselnuss zusammen aus. Dies alles natürlich nur bei der sehr wahrscheinlichen Fortschreibung der momentan herrschenden menschlichen Dummheit, die allen Ernstes glaubt, wenn nur jeder gierig ist und rafft was er kann, wird alles gut. Das Lebensmotto eines Krebsgeschwürs. Glaubt nicht ein Krebsgeschwür an sich an das grenzenlose Wachstum? Und wächst es nicht, indem es den Ast auf dem es sitzt absägt? Der Krebs ist das Zeichen unserer Zeit. Wenn er in unsren Körpern wütet, dann wird er auch in unserer Gesellschaft wüten. und wenn ihn jemand heilt, dann wird er auch die Gesellschaft heilen. Nun aber da sind ja unserer obersten Krebszellen vor. Die lassen das nicht zu.
    Wie schön wäre es, wenn wir wirklich wieder eine „heile Welt“ hätten. Und das, das meine ich nicht mit dem Hauch von Sarkasmus oder Ironie, sondern ganz ernst.

  3. Werner Fröhlich schreibt:

    Setze das mal beim Freitag rein, es ist gut.

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