Ein offener Brief: Hilflosigkeit

ist wirklich eine frustirierende Erfahrung. Ich und mein Mann, wir haben beide Berufe, die sehr anstrengend und oft auch nervlich aufreibend sind.
Wir zahlen etwa 15.000 Euro Einkommensteuer und geben unsere Lebenszeit zu mehr als 60 % (Wachzeiten) unserem Arbeitgeber.
Ich würde gerne auf Teilzeit gehen, was jedoch angeblich meine Stelle nicht zulässt.
Wir wohnen auf dem Land und möchten nicht auch noch täglich Stundenlang pendeln.

Nun, wir haben eine Entscheidung getroffen. Zum 1.6.2012 werden wir beide kündigen.
Wir haben noch etwas Erspartes von dem wir etwa zwei Jahre lang leben können.
Bis dahin hoffen wir freiberuflich etwa 1000 Euro im Monat erwirtschaften zu können – das wird uns künftig zum Leben genügen.

Wir werden künftig mehr Zeit gemeinsam verbringen, wir werden zwar nicht mehr ins Theater gehen können, keine Urlaubsreisen mehr unternehmen, wahrscheinlich auch kaum mehr Restaurants etc. nutzen – doch dafür gehört – so hoffen wir wenigstens 80 % der Lebenszeit uns.

Wir werden auch ein Auto verkaufen – meine Ente werden wir behalten und die repariert mein Mann schon seit 20 Jahren selbst – sie ist so schön wie am ersten Tag – (vor 35 Jahren).

Wir werden unsere Handys abmelden, vielleicht auch das I-Net, in jedem Fall kündigen wir sämtliche Abo´s (auch den Spiegel 😉 )……

Wir werden versuchen sowenig Umsatz in dieser perversen Umverteilungswirtschaft wie irgend möglich zu generieren.

Wir sehen keine Chance mehr als funktionierende Menschen in dieser Gesellschaft einen positiven Beitrag zu leisten – das einzige was bleibt ist Bescheidenheit und passiver Widerstand durch Verzicht – wir hoffen, dass unser Bekannten nicht böse auf uns sein werden, wir möchten gerne auch künftig mit Menschen Gespräche führen, wir finden das Leben an sich wunderbar.

Das Fass zum überlaufen brachte, dass unser Pensionsfonds Gelder in Agrarprojekte investiert, wie sie skrupelloser nicht sein könnten – wir werden uns künftig nicht mehr so intensiv informieren – heute schon genügt unser Informationsstand, zu konstatieren, dass die Politik einzig den Interessen weniger, inhumaner Psychopaten willig zu Diensten ist.

Die meisten Menschen sind nichts weiter als eine Manövriermasse, annonym, völlig uninteressant in dem Augenblick, wo sie weder als Konsumfaktor, noch als Produktionsfaktor oder gar als simples Objekt (Organe, Sex, Perversion) von Bedeutung sind.

Wir sind überzeugt, eine Merkel, ein Seehofer, ein Rösler, ein Gabriel, ein Trittin, ein Ernst und wie die anderen zig tausend MDB´s und MDL´s heissen würden hemmungslos auch in einem Parlament des „III. Reichs“ihre Unkostenpauschalen, ihre Diäten und Ihre Altersversorgung mit reinem Gewissen kassieren und Wortblasen (soweit erlaubt) produzieren ohne jedes Rückgrad zu zeigen – lächelnd in die Kammeras der TV-Präsentatoren lügend.

Unsere Demokratie ist an uns allen gescheitert, da wir alle seit nunmehr vielen Jahren im Grunde jeden Irrsinn tolerieren, da wir persönlich -meist – noch – keinerlei spürbare Nachteile dadurch erleiden.
Zumindest wir beide fühlen uns schuldig – und wir fühlen uns nicht mehr wohl in unserer Haut – es muss sich etwas ändern!

LG

Maike

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Über oberham

Einsiedler in Hinterwald
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21 Antworten zu Ein offener Brief: Hilflosigkeit

  1. Gast schreibt:

    Rückgrad – muss Rückrat heissen
    Kammeras – muss Kameras heissen

  2. Silosis schreibt:

    Dem Beitrag meine Hochachtung. ( Würde ihn gerne weiterreichen ?? )

  3. Gast2 schreibt:

    Der Absatz mit dem 3. Reich hätte nicht sein müssen.

    Nicht kündigen aus Wut – dann definiert sich das Leben doch wieder nur g e g e n irgendwelche anderen. Mit Freiheit genießen wird es dann nichts. Kündigen aus dem Luxus, etwas erkannt zu haben und das Leben voll neue Bedeutung stopfen zu wollen!

    Und Glückwunsch zur Ente :c)!

    • oberham schreibt:

      danke, sie hat übrigens schon 310.000km drauf…..(ups….man bedenke die Zeitspanne…)

      Es ist sogar Zorn der uns treibt – und ja ich gebe dir Recht – der Antriiebsgrund sollte schon viel früher – ein anderer gewesen sein.

      Wg. III.Reich- nun- ich fürchte viele der „Eliten“ sind im Herzen tiefbraun, die aktuellen Ereiggnisse decken sich wohl mit meiner Befürchtung.

      Es ist opportun, ein Demokrat und ein Anhänger der sozialen Martkwirtschaft mit Ihrer demokratischen Grundordnung zu sein, doch gehandelt wird undemokratisch (sind wir nicht ein Einparteienstaat? – die Regierung Schröder war neoliberaler als jede andere…)
      und zu Diensten einer Feudalkaste – nenne man sie Plutokraten oder Oligarchen oder wie auch immer.

      Wir freuen uns auf die neue Zeit, wir hoffen, dass zumindest die persönlichen Freiheitsrechte noch einige Dekaden lang halbwegs unangetastet bleiben.

  4. Eierplatz schreibt:

    es ist doch gut, dass jetzt auch noch die Rechtschreibung stimmt, aber so sind wir nunmal und es ist wunderbar die Freiheit der Zeit zu erleben. Zeit ist Macht. Der Aufruf der Hilflosigkeit ist sehr machtvoll.

  5. mariano schreibt:

    ich habe auch kürzlich „aufgehört“ (…also eigentlich „jetzt“, november) – dieses hamsterrad weiter anzutreiben wurde schier unerträglich, das leben schien irgendwo anders stattzufinden, nur nicht bei mir. ein schöner sommertag? ja, aber nur draussen, natürlich nicht im büro. zwei volle jahre habe ich die passanten neidisch beobachtet, die hingehen konnten, wo sie wollten, ich habe mich quasi in mein eigenes, selbstgewähltes verlies einsperren lassen und lies mich vom geld antreiben. ja, Sie haben recht, die menschen SIND eine manövrierbare und manipulierbare masse, das habe ich an meinen hirngewaschenen (aber dennoch liebenswürdigen) kollegen bemerkt, die einerseits über zuwenig geld jammerten, aber andererseits jede erdenkliche schwachsinnigkeit kauften (riesen tv? iphone4?? jedes wochenende in den club???) und geld verpulverten. mir wurde dann klar: jeder euro, jeder cent auf meinem konto ist/war mein leben, das ich verkauft habe, leben, in dem ich hätte glücklich sein können – ich weiss jetzt: nie wieder ins hamsterrad!!!

  6. Marc schreibt:

    Hey,

    ich hoffe, ihr habt das Internet nicht gekündigt, sonst könnt ihr meinen Kommentar ja nicht lesen 😀

    Eure Entscheidung ist mutig und bewundernswert. Ich wünsche euch viel Erfolg bei eurer Rückeroberung der Lebenszeit!

    Wie siehts denn aktuell aus? Schafft ihr es, so zu leben, wie ihr euch das vorstellt?

    viele Grüße,

    Marc

  7. oberham schreibt:

    Noch etwa 5 Monate – Rest ist Urlaub……

    Oh – Vorfreude, und – die Ersparnisse wachsen – 1000 Euro reichen wirklich locker (ok- wir zahlen keine Miete)

  8. Nico schreibt:

    Herzlichen Glückwunsch zu diesem radikalen aber mutigen Schritt.

    Jedoch kann ich für mich persönlich sprechen, dass ich, wie sicher viele andere, 2 Kinder zu ernähren habe und entsprechende Verantwortung zeigen muss. Dieser „Umstand“ (und ich betone ein sehr schöner Umstand) zieht nun mal dieses Hamsterrad nach sich, ob man will oder nicht.

    Wohl dem, der diese Verantwortung nicht tragen muss.

    Alles Gute.

    • oberham schreibt:

      … mit Familie ist es nochmals schwerer sich vom Mainstream zu lösen…. —

      die Problematik, Kinder zu zeugen, gleichzeitig aber das Lebenskonzept der Gemeinschaft zu negieren – vielleicht sogar extrem pessimistisch in die Zukunft zu blicken – sie ist eine sehr komplizierte!

      Nun, ich persönlich glaube eine glückliche Stunde im Kreis der Familie rechtfertigt 10 Stunden Hamsterrad in der Gesellschaft – natürlich ist es besser, schöner, wenn man seine persönliche Situation viel positiver betrachtet und empfindet!

      Das Problem ist wohl, darf ich einfach die Schatten ausblenden? (Eine Frage die jeder nur für sich selbst beantworten kann! )

  9. Muriel schreibt:

    Hallo Maike,
    ich bin eben per Zufall auf diesen Blog gestoßen… die Artikel gefallen mir sehr gut. Leider kenne ich im Real-Life oder wie das heißt, keine Menschen, die so denken! Vor Jahren bin ich unfreiwllig durch Jobverlust in eine vergleichbare Situtation geraten, wie Ihr sie anstrebt. Im Großen und Ganzen komme ich inzwischen dank Internet und vieler Bücher mit dem Status gut zurecht. Allerdings muß ich eingestehen, daß die Isolation (alle anderen müssen schließlich arbeiten, vermehren sich oder sind mobil/unterwegs) und die abschätzigen Blicke, die dieser Lebensstil mit sich bringt, manchmal schon hart ist. Darf ich fragen, wie alt Ihr beiden seid? (gerne auf Privatmail)
    LG Muriel

  10. Muriel schreibt:

    Ente 35 Jahre + Führerschein 18 Jahre, also mindestens 53…

  11. Renate schreibt:

    Guten Tag Maike,
    die Gedanken und Schlussfolgerungen können wir (mein Mann und ich) sehr gut nachvollziehen. Derzeit haben wir Urlaub und mein Mann liegt schon wieder und schläft. Er ist sehr erschöpft von seinem Berufsalltag und kann sich dem permanenten Druck kaum noch erwehren. Nicht nur die Arbeitsaufgaben selbst werden bei uns beiden ständig mehr, sie müssen auch immer schneller erledigt werden.
    Ich habe gerade mal nachgesehen und festgestellt, dass wir im Jahr 2011 rd. 16.000 Euro Einkommensteuer an diesen Staat gezahlt haben. Ja, unser Einkommen ist relativ gut, aber wir haben kaum noch Zeit und Muße, es zu genießen.
    Unserer grundlegenden Unzufriedenheit haben wir durch relativ schnelle Abzahlung unserer Immobilie Rechnung getragen. Die Immobilie gehört seit einem Monat uns! Jippiiiiii…..
    In die Stadt zum Shoppen gehen wir kaum noch. Wir haben keine Lust mehr, dieses irre System weiter zu befeuern.
    Mein Arbeitgeber kann sich meiner Teilzeitbeschäftung nicht widersetzen. Im öffentlichen Dienst und bei der hohen Anzahl der Mitarbeiter kann und muss er immer auch umorganisieren. Den vielen Angeboten auf Höhergruppierung bin ich bis heut nicht erlegen. Bleibe lieber „einfache Sachbearbeiterin“…
    Meinem Mann ist dieser Weg leider nicht offen und er arbeitet in Vollzeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch wir beide gemeinsam austeigen. Wir wollen noch etwas mehr vom Leben haben,
    Liebe Grüße
    Renate

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